Вот! Was für eine Woche! Давай Россия Давай Давай [Davaij Davaij Rassija]!
Auf der Fahrt im Zug kamen die ersten Gedanken: Auf was habe ich mich dort eingelassen? Was wird mich dort wohl erwarten? Werde ich jemals wiederkehren? Habe ich die längste Praline der Welt dabei?
Wovon ich rede? Ganz einfach: Ich hab mich mit der Olgi und der Anja auf den Weg zum Seligersee gemacht. Warum? Wir haben uns als Teilnehmer des Forums "Seliger 2009 - Год Молодёжи" - Jahr des Nachwuchses - angemeldet. Für 1000 Rubel [25€] bekommt man dort einen Seestrandurlaub geboten, eine Woche lang. Die Reise hin und zurück im Bus ist bereits mit inbegriffen. Verpflegung wird dort Gruppenweise zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung entwickelt man Projekte, die der Zukunft Russlands und dem Aufbau einen Unabhängigen und Freien Russlands dienen. Soweit der Plan! "Jahr des Nachwuchses" und "Forum Seliger 2009" heißt die ganze Veranstaltung jedoch erst seit diesem Jahr. Die letzten 4 Jahr wurde sie von den Наши's (Die Unseren), der Jugendorganisation der Putin und Medwedjewparteij Единая Россия - einiges Russland - organisiert. Und auch dieses Jahr war die stetige Anwesenheit der Unsrigen im Camp nicht zu übersehen.
Die ersten 2 Tage waren erschreckend, überall Flaggen. TShirts mit Aufsprüchen wie "Ich bin ein Affe - Ausführer des Planes Putins", Наши-Mützen und Cappies. Überall die Russische Flagge. Dann Morgens und Abends Appel. Bunt und Trashig. Pflicht für Alle. Gesungen wurde die russische Nationalhymne. Danach die Hymne des Forums. Textfetzen in etwa wie "Vorwärts Russland, Vorwärts Schönheit, Russland ist der Champion". Frühsport Pflicht. Tanzen oder Laufen. Strengstes Alkoholverbot. Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen und Übungen, 5x am Tag. Schlafen um 1 Uhr. Aufstehen um 7. Keine Zeit. Kein Strom, nur kaltes Wasser, kochen überm Lagerfeuer für 30 Leute. Wer den Regeln nicht folgte und erwischt wurde, bekam Strafpunkte. Bei 3 wurde man nach Hause geschickt.
Der Anblick und Ablauf, vor allem die extrem faschistische Organisation und der Ablauf des Lagers schockierten mich. Auch das strengste Alkoholverbot, schien mir in den ersten 2 Tagen erschreckend und befremdlich: "Wir sind doch in Russland!?" dachte ich.
Nunja, was soll ich sagen. Nach 7 Tagen kann ich nun sagen: Alles halb so schlimm wie man denkt. Еindeutig faschistisch dort nur die Organisation der Lagers. Die Hintergründe sehr stark politisch, patriotisch, nationalistisch. Jedoch war der Inhalt und vor allem die anwesenden Leute nicht der von mir zuerst erwartete patriotische unreflektierte Einheitsbrei. Es gab ein bunten Mischmasch aus Stimmen. Reflektierte Meinungen. Kein "einfach Mitgeschwimme" und Generalbejahen. Es wurde Diskutiert. So wurden ehemalige Lieblingspromis als langweilige Demagogen enttarnt. Oder der Chef der größten Moskauer Zeitung sagte im Vortrag seine Vorsicht dieses Forums gegenüber und plädierte für die Unabhängigkeit der Medien. Oder eine berühmte russische Popband wurde als Live-null enttarnt. Klar gab es auch die Ja-sager. Aber es war eben mehr als das. Bunter als das.
Die Russen sind doch nicht doof. Auch nicht die Jungen. Und richtig klug werden sie vor allem dann, wenn sie mal nicht den ganzen Tag trinken :)
Ein fahler Beigeschmack blieb mir nach wie vor vom Gesinge der Lieder, fahnenschwingend beim Appell (Построение). 1000 Menschen die "Ро-сси-я" schreien geht bei mir einfach nicht rein und wieder raus, ohne dabei an den mir in der Schule und im ganzen leben eingetrichterten Kausalzusammenhang zu nationalfaschistischen Organisationen zu denken.
Aber egal, nach 7 Tagen kann ich sagen: Alles halb so schlimm wie gedacht, habe viele interessante und nette Leute kennengelernt. Und auch viel Spass gehabt. Habe mich vor den Pflichtlektionen gedückt. Alle haben sich gedrückt, sind einfach im Zelt geblieben. Endgültig wiederhergestellt wurde mein Bild von Russland dann auf der Heimfahrt im Bus. Ahh, zuerst aber noch schnell was zum Lager: Es geht ums Alkoholverbot. Das kann und konnte ich einfach nicht glauben. 1500 Russen auf einem Haufen, in Lagerfeueratmosphäre, und keiner! Trinkt !?. Nunja, das Alkoholverbot wurde dann doch regelmäßig von mehr oder weniger allen heimlich im Zelt oder einer dunklen Ecke ignoriert. Dazu gehören auch Beispiele wie ein Veranstalter, der Hinter der Bühne eine Bierdose austrinken, um dann auf die Bühne zu gehen und zu propagieren "Diese Dose haben sie gestern Nacht gefunden", und "demjemnigen, der sie trank, sollten die Arme Abfallen". Diese kleinen Erfahrungswerte zerstörten die, Anfangs doch recht erfolgreich und professionell aufgebaute, Pflichtbewusstseins- und Abstinenzkullisse recht schnell. Richtig zerstört wurde sie dann jedoch in der Fahrt im Bus. Dieses Land ... man man man, manchmal kann man sich echt nur an den Kopf fassen und sich freuen :) Kaum im Bus holten die ersten ihre Flaschen Cognac und Vodka raus, die dann auch gleich von allen Bejubelnd ausgetrunken wurden. Schon vor dem Bus saßen alle wie eine gruße Hippieversammlung und tranken genüsslich ihr erstes, zweites drittes oder viertes "legales" Bier in der Sonne. Bei unserer Gruppe auch im Bus ganz vorne mit dabei unsere ~35 Jährigen "Старши"s. Dabei ist es völlig egal das vorne im Bus eine kleine Gruppe Kinder saß, die gerade aus dem Trainingslager wiederkam. Am ersten Zwischenstopp wurde dann gleich nochmal richtig aufgetankt, Vodka en masse gekauft. Und dann im 40° warmen Bus übers Limit gesoffen.
So ... "jetzt ist hier alles wieder in Ordnung" dachte ich "Das ist doch Russland, wie ich es kennen :)"
Ich bin zu Hause in der MGU angekommen, und habe ein Paar Videos und Filme mit im Gepäck.
Anschauen könnt Ihr sie hier. Viel Spass :)
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Wow! Da haste ja wieder die volle Dröhnung Russland mitgenommen. Ich glaub, irgendwie gibt es weniger den Kausalzusammenhang (tolles Wort übrigens) zwischen Lieder singen und nationalfaschistischen (auch toll) Organisationen, sondern eher zwischen nationalfaschistischen Organisationen und dem Alkoholkonsum. Ich glaube, da begegnen sich die verkrampft-Nationalismus-vermitteln-wollende Politik und der tatsächliche Gemütszustand der Bevölkerung...
AntwortenLöschenInhalt und Form müssen nicht übereinstimmen.
AntwortenLöschenManchmal kann die Form in die Irre führen oder soll vom Inhalt ablenken. In jedem Fall muss man das zu unterscheiden wissen.
Der letzten Kurzbemerkung von Terzi kann ich nur zustimmen. Wir waren auch zur Zeit dieses Jugendtreffens im Gebiet SELIGER. Wir kennen einige Organisatoren der "unteren Riege". Der Widerspruch mit dem Alkohol ist ein gesamtrussischer, hat also nichts mit dem Treffen zu tun. Um das Phänomen zu begreifen, muss man die Mentalität, die Lebensweise und die politische Struktur des riesigen Landes verstehen. Man muss erleben, dass in Russland alte politischen Symbole auch mit der Neuen Zeit eng verknüpft sind.
AntwortenLöschenDa spielt die Suche nach einer nicht westlich orientierten sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Russlands eine außerordentliche Rolle.
Wir sind seit 2005 häufig in Russland - privat und arbeitsmäßg - vom St.Petersburg bis Krasnojarsk, von Feiern in Famile bis zum Treffen mit Regierungsvertretern.
Es gibt auch Vieles, was uns in Russland nicht behagt. Wir finden auch so Manches, was wir uns in Mitteleuropa wünschen würden.
Und faschistoide Züge können wir bei dem Jugendtreffen in SELIGER nicht erkennen.
Vielleicht schaut Ihr mal bei uns auf
www.wir-bauen-mobil.de/idx_reise.html.
Da findet Ihr viel über russiche Lebensweise und praktische Politik von Russland